Dreierkette nicht in Stein gemeißelt

Jörg Schneider/Christian Karn. Mainz.
Beim 3:1-Sieg gegen Bayer Leverkusen, dem ersten Erfolg dieser Bundesligasaison, feierte beim FSV Mainz 05 die Dreierkette Premiere, die defensiv zur Fünferreihe wird. Dass sich die Mannschaft von Sandro Schwarz eine halbe Stunde lang extrem schwer tat im Spiel gegen die dominanten Leverkusener, lag aber nach Ansicht des Trainers nicht am System. „Leichte Ballverluste kommen in jeder Grundordnung vor“, benannte der 38-Jährige die Mängel. Wie es besser geht und wie das Mainzer Spiel in dieser Grundaufstellung aussehen soll, zeigte das Team mit einer deutlichen Leistungssteigerung und einer starken Vorstellung in der zweiten Halbzeit.

Dreierkette, Fünferkette: In dieser Frühphase der Bundesligasaison eine taktische Grundordnung, auf die etliche Klubs inzwischen zurückgreifen. Im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen feierte diese Variante auch beim FSV Mainz 05 Premiere. Sandro Schwarz schickte mit Leon Balogun, Stefan Bell und Abdou Diallo drei Innenverteidiger auf einer Linie ins Rennen. Die beiden Außenverteidiger Giulio Donati und Daniel Brosinski komplettierten das Konstrukt in Defensiv-Situationen zur Fünferkette, zum 5-2-3. Bei eigenem Ballbesitz standen die Außen hoch, dann wurde es ein taktisches 3-4-3 mit der Doppelsechs und drei Offensivkräften.

Linksverteidiger Daniel Brosinski zeigte die Stürmerqualitäten seiner ersten Profijahre, interpretierte seine Rolle so offensiv wie selten, war an zwei Toren beteiligt. Foto: Veyhelmann„Wir haben das schon trainiert und in Testspielen geübt“, sagte der Trainer nach dem 3:1-Erfolg, dem ersten Saisonsieg. „Es sind nur Nuancen, die sich verändern. Du hast keinen Zehner auf dem Platz, dafür zwei Stürmer in den Halbräumen. Das Argument dafür, dass wir so gespielt haben war, dass Leverkusen mit Brandt, Volland und Bellarabi drei Spieler nach vorne schickt mit hoher Geschwindigkeit, die in die Schnittstellen reinsprinten und von Aránguiz gute Pässe bekommen. Da wollten wir ein paar Beine mehr haben zum Verteidigen. Und ein weiteres Argument war, dass wir mit Bell, Balogun und Diallo drei Spieler haben, die immer den Konter absichern. Wenn wir selbst mutig spielen nach vorne spielen, haben wir dann eine Dreierkette. Das heißt aber nicht, dass das eine defensive Grundordnung ist, sondern du hast normalerweise klarere Abläufe im Offensivspiel. Du hast Brosinski und Donati, die ohne zu überlegen die Bahn hoch und runter marschieren müssen. Du hast keinen Zehner, dafür hast du Öztunali und De Blasis mehr in den Halbräumen drin. Das ist kein Hexenwerk“, erklärte der Trainer, der diese Variante auch gewählt hätte wenn Alexandru Maxim, der wegen Grippe ausfiel, einsatzbereit gewesen wäre. „Maxim kann die Position im Halbraum auch spielen. Dann ist es nicht der klassische Zehner, sondern der äußere Mittelfeldspieler der nach innen zieht und ankurbelt.“ Diese Grundaufstellung sei jedoch nicht in Stein gemeißelt, versicherte der 38-Jährige. Es sei lediglich ein Mittel, das in diversen Fällen überlegenswert sei. Auch mit einer Viererkette könne man vernünftig spielen und gewinnen. Und auch, wie Schwarz sagt, „mit Libero und zwei Manndeckern.“

Defensiv funktionierte die Sache in der ersten Halbzeit relativ gut. Er habe nicht das Gefühl gehabt, es stimme nicht von der Defensivorganisation her. Trotz der Stärke und der Schnelligkeit der Bayer-Offensiv ging nicht die große Torgefahr vom Gegner aus, obwohl die Leverkusener sehr dominant waren. „Es war nicht so, dass die von hinten den klaren Spielaufbau hatten und durchgespielt haben nach vorne, es waren die einfachen Ballverluste, die uns in den ersten 25 Minuten ein schlechteres Gefühl gegeben haben“, so der Coach. Und so fiel das Gegentor zum 0:1, so hatte Bayer 04 wenig später die große Konterchance, um die Führung auszubauen, die aber Danny Latza mit perfekter Grätsche gegen Dominik Kohr gerade noch so vereitelte. Da waren die Schnittstellen zu weit offen. „Wenn der Gegner von hinten raus ein Tor schießt, kann man die Dinge in der Regel besser lösen“, sagte Schwarz lapidar.

Was in der ersten halben Stunde nicht gut war, war das eigene Spiel nach vorne. Da fehlte Tempo, da fehlten die klaren Pässe. Abspiel- und Annahmefehler häuften sich. Die beiden Außen kamen zu selten dazu, die Linie entlang zu marschieren. Brosinski machte noch das Beste draus, Donati wirkte eher passiv. Insgesamt sei es in dieser Phase schon besser gewesen, dass Donati eher zurückhaltend agiert habe, meinte Schwarz nachher scherzhaft. „Bis der nach vorne gelaufen ist, hatten wir schon den Ballverlust.“

Giulio Donati begann schwach, drehte Mitte der zweiten Hälfte nach einer kurzen Schreierei mit dem Trainer gewaltig auf. Wendell blockte einen Schuss, der auch für den Italiener das erste Bundesligator hätte sein können. Foto: VeyhelmannDie Abstimmung im 05-Spiel war nicht gut, die Abstände zu groß. Das Team gewann viel zu wenig Zweikämpfe, schnappte sich so gut wie keine zweiten Bälle. Die 05er schienen dadurch auf die dritten Niederlage in Folge zuzusteuern. „Das hatte aber nichts mit der Grundordnung zu tun. Leichte Ballverluste kommen in jeder Grundordnung vor. Wir hatten immer wieder diese leichten und unnötigen Ballverluste.“ Ein besseres Spiel in die Tiefe mit mehr Abschlüssen wäre möglich gewesen, doch die 05er spielten die Aktionen nicht aus oder leisteten sich den Fehlpass. Das beste Beispiel war dieser im Prinzip gut aufgezogene Angriff über Brosinski, der schon in den Strafraum eindrang, dann keinen Plan mehr hatte, die Kugel wieder rausspielte. Die Kollegen spielten so lange drumherum um die Box, bis sie den Ball verloren und der Gegenzug lief.  „Vielleicht ist das normal, wenn du nicht das allergrößte Selbstvertrauen hast und gegen einen Gegner spielst, der vorne eine solche Geschwindigkeit hat. Jede Woche willst du nicht gegen die spielen“, betonte Schwarz.

Spätestens aber mit dem schönen Spielzug unmittelbar vor der Pause und dem Seitfallzieher von Yoshinori Muto änderte sich schlagartig alles. Das erste Saisontor förderte den Mut der 05-Profis, die nun viel aggressiver vorwärtsverteidigten. Angetrieben vom starken Suat Serdar, der für den angeschlagenen Latza kam. Der Sechser brachte die nötige Kampfkraft ins 05-Spiel, erwies sich als vehementer Zweikämpfer, Ballfresser und Verteiler, in dessen Schatten auch der bis dahin blasse Fabian Frei zum Balleroberer wurde. Bell gewann im Zentrum nahezu alle Duelle, war klarer Sieger im Luftkampf. Da ging kaum noch etwas für den Gegner. Die Außen vollführten nun die geforderten Sprints. Das brachte Gefahr. Dazu kam mehr Ballsicherheit. Die Mainzer gewannen nun auch die zweiten Bälle. Das Selbstbewusstsein wuchs von einer Minute zur anderen, und die Partie verlief nun so, wie sich der Trainer das vorgestellt hatte. Die Mannschaft nahm nun das Publikum mit. Diallo und Serdar erzielten die Treffer zu einem nach dieser starken zweiten Hälfte souveränen und hochverdienten Sieg gegen ein Leverkusener Team, das dem Ganzen nur noch wenig entgegenzusetzen hatte.

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